Kritiken Alice auf Kaninchenjagd

Beim großen Plüschtierfressen RambaZamba macht erstmals Freilufttheater Zwei oberschlaue Hasen mit Überbiss und Knickohren schubsen sich gegenseitig die eiserne Wendeltreppe hinab. Auf den Rücken tragen sie Ranzen voller Zettel, auf denen stehen Regeln und Termine. Die sind alle für Alice, die aus einem der ins Bühnenpodest eingelassenen Schlupflöcher auftaucht, (Bühne Angelika Dubufe). Die Hasen bombardieren das Mädchen mit klugen Sprüchen. Alice wird ganz schwindlig von den vielen Sprichwörtern, und weil aus den Löchern Spiegeleier, Schweine, Brotbüchsen winken, versteht sie "Morgenstund hat Wurst im Mund" und fragt sich ernsthaft, ob ihre Eltern jetzt Hasen sind. Die Besserwisser hüpfen davon. Alice macht sich auf den Weg, sie zu suchen und die Regeln zu lernen. Unter buntem Riesensegel, bewegtem Himmel und der Regie von Gisela Höhne führt RambaZamba, das Theater des Sonnenuhr e.V., sein Stück "Alice auf Kaninchenjagd" im Hof der Kulturbrauerei auf. Das einstündige Vergnügen orientiert sich an den Geschichten von Lewis Carroll und ist für Kinder ab sechs und Erwachsene gedacht. Es bildet den Auftakt zum Alice-Projekt, dessen zweiter Teil "Alice unter Wölfen" Anfang 2006 ebenfalls unter Gisela Höhnes Regie stattfinden soll. Choreografische Großlösungen (Julie Stanzak), Zaubertrick-Einlagen, fantasieprächtige Kostüme (Beatrix Brandler) und der Spieleifer des Ensembles sorgen dafür, dass sich das Publikum keinen Deut darum kümmert, dass viele der Darsteller behindert sind. Auf ihrer Reise gerät Alice (Juliana Götze) in ein seltsames Königreich. Das Königspaar streitet sich andauernd darüber, wer über die Mixgetränkegläser herrscht und wer über alle Untertassen. Und wenn ihnen was nicht passt, rufen sie einfach "Kopf ab!". Die Köchin schlachtet einen Kuschelhasen und schmeißt mit Möhren. Der Hofstaat marschiert zum Kochlöffelballett auf, schmatzt beim großen Plüschtierfressen, aber Alice soll erst arbeiten, bevor sie essen darf. Alice strampelt sich mit ausdrucksheftigem, tänzerischem Körpereinsatz durch die Abenteuer. Die Zweifel aber wachsen, die Gewissheiten schwanken. Zum Weintrinken bin ich zu klein? Zum Trickfilmgucken zu groß?", fragt sie sich und kämpft sich tapfer weiter durch eine zunehmend rätselhafte Welt. Sie trifft auf eine genusssüchtige grüne Raupe, die mit den Patschfüßen baumelt. In aller Seelenruhe frisst die Raupe das ganze Papier, auf dem die Regeln stehen, und sagt, das schmecke saugut. Dann verwandelt sie sich in einen Schmetterling. Dessen Flügel sind so bunt wie das Segel über den Zuschauerköpfen. Die Flügelschläge reichen bis ins Publikum, das sich beim Applaus mit den Schauspielern um die Wette freut. Berliner Zeitung vom 08.06.2005, Ressort:Feuilleton, Katja Oskamp
Moritz sitzt zufrieden in der Mitte der Bühne. Er streckt die Beine von sich, grinst und schmatzt, klemmt sich die mit Sprüchen und Weisheiten beschriebenen Seiten zwischen die Lippen, reißt Papierfetzen ab, spuckt sie mit Genuss durch die Gegend. Moritz spielt eine Raupe, und eine Raupe frisst bekanntlich Blätter. Obwohl es bloß eine Probe für ein Gastspiel ist, verkörpert Moritz die Raupe perfekt. Die anderen Schauspieler lümmeln, dösen, dämmern an den Rändern der Bühne herum. Mit "Alice auf Kaninchenjagd", einem Theaterabend über Sinn und Unsinn von Regeln, wird RambaZamba nach Mainz fahren. "Ich bin die Königin aller Mokkatassen!" röhrt Patricia, oder "Kopf ab!", wenn der Königin etwas nicht passt. Patricia schafft es nicht in die Hocke, hat aber eine Stimme wie ein Marktschreier. "Meine Schauspieler markieren nie, die geben immer alles.", sagt Gisela Höhne. Patricia fasst sich andauernd mit der Hand an den Mund. Was los sei, will Gisela Höhne wissen. Meine Lippe ist wund, sagt Patricia. Hast wohl zu viel geküsst?, fragt Gisela Höhne. Die Schauspieler wiehern und lachen sich schlapp. Pünktlich und putzmunter schiebt Anke den Kinderwagen an der Rampe hin und her. Anke will nie sprechen, dafür aber singen. Sie tut es, klar und schön. René pirscht sich auf Zehenspitzen an. Gisela Höhne lobt ihn. Vor fünf, sechs Jahren noch sei das unmöglich gewesen, erklärt sie, René habe sich partout nicht bewegen wollen, seine Hände seien, wenn er sie über den Kopf heben sollte, maximal auf Höhe der Ohren eingerastet. Wie ein Schlaufuchs blinzelt René ins imaginäre Publikum, greift lautlos und in hohem Bogen in die Kissen, stibitzt blitzschnell das Plüschschwein aus Ankes Kinderwagen und flitzt davon. Nach drei Stunden ist die Probe vorbei. Patricia, Anke, René und die anderen beherrschen das Stück aus dem Effeff. Sie ziehen sich um und verabreden sich für übermorgen auf dem Ostbahnhof. RambaZamba geht gern auf Reisen, diesmal nach Mainz. Die Truppe zuckelt durch die Weltgeschichte und packt im Zug die Stullen aus. Früher hatten sie Rucksäcke dabei. "Jetzt sind diese Rollköfferchen in Mode gekommen. Die haben alle so eins." Auf der Mainzer Bühne wird Moritz als Raupe Blätter fressen, am Schlagzeug sitzen und die akustischen Akzente setzen. Er wird ganz in grün auftreten, grüne Gummifüße, grüne Flickenkleider, grünes Gesicht, und auf dem Kopf eine fulminante Hutkreation mit Zierrasen, Gartenzäunchen, Windmühle und einem Schild: Betreten verboten! Berliner Zeitung, 06.10.2005, Feuilleton, Katja Oskamp

 

 

 

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