Kritiken Weiberrevue

Am 25. Mai 2002

gastierte die Gruppe RambaZamba aus Berlin in Bielefeld im Theaterlabor im Tor 6. Trotz großer Müdigkeit an diesem Abend, bedingt durch eigene schweißtreibende Pro¬benarbeiten an einem Straßentheater¬stück, wollte ich mir das Gastspiel nicht entgehen lassen, zu groß war meine Neugierde auf diese Gruppe, von der ich schon so viel Interessantes gehört hatte. Sie war so groß, dass ich überpünktlich an der Abendkasse stand.Die Atmosphäre: geheimnisvoll, Glitzerwelt, Bewegungen, leichte Un¬ruhe, wieder Ruhe, Konzentration, rätselhaft das, was ich sehe, wahrneh¬me. Traumbilder, Traumstimmungen. Traumtänzerische Bewegungen und Klänge, manchmal mich irritierend, dann wieder zum Schmunzeln, zum Lachen animierend. So, in diesem Spannungsbogen, habe ich den gesamten Abend erlebt.„Ich will eine Frau werden, eine wilde Frau" ist der Wunsch- und Kernsatz, der bei mir hängen blieb und die Frage, sich seiner selbst zu versichern: „Bin ich jetzt eine wilde Frau?" Tja, kommt mir irgendwie bekannt vor dieser Wunsch, diese Frage. - Und selten, bis jetzt eigentlich nur in mei¬nen eigenen geheimen Träumen, finde ich so spielerischen, so bunten und kecken, frechen und zarten Umgang damit.Um es kurz zu machen: es gab wun¬derbare skurrile Bilder, ein wunderbar einfaches und gleichzeitig beein¬druckendes Bühnenbild samt Requisiten. Ich werde nie mehr Kirschen essen, ohne an die Szene des Kernspuckens zu denken mit allem, was die Schauspielerinnen dazu „aufspielten" .Überhaupt - diese Tafelszene mit Schirm, Charme, Wassergeräusch, Rülpsen und Spitzenkoloratur ist unter besonders wunderbare Thea¬terszene in meinem Kopf und Herzen abgespeichert. Und noch eine Szene hat mich unendlich berührt - als der fast nackte Mann sich mit einer Tiermaske der schlafenden Prota¬gonistin näherte. Große Themen wie Mann/Frau, menschliche Nähe/ Distanz wurden mit eigenwilligen,eigenArtigen sehr körperlichen Spiel¬weisen bearbeitet/bespielt.Ein sehr beeindruckender Abend, weil sehr beeindruckende Schau¬spielerinnen und Musikerinnen und ein beeindruckendes Team, das die Inszenierung zusammenstellt und ausstattet, sich seit Jahren getraut, einen eigenwilligen Weg zu gehen.Ich fühlte mich reich beschenkt an diesem Abend, unter anderem auch deswegen, weil ich zusätzlich zu allem Theaterzauber auch eine liebe¬volle Aufforderung zu inneremWachstum erteilt bekommen habe. Denn natürlich wurde ich auch mit meinen Vorurteilen und mit meinen Klischees über Behinderte konfron¬tiert, aber auf eine Art und Weise, die herausfordert zum Um- und Über¬denken des eigenen Standpunktes. Es muss nicht immer der Stand-Punkt sein, das Schwebe-Zeichen entspricht wahrscheinlich viel mehr dem Leben und den Situationen, die wir darin meistern wollen, sollen, müssen.

Christine Ruis, Schauspielerin und Regisseurin, Bielefeld

Ein Berg Schuhe

Die Männer haben hier nichts zu melden
Charmant, witzig, originell: Theater RambaZamba bringt im KUZ gewohnte Kategorien ins Wanken
MAINZ. Nele träumt davon, endlich erwachsen zu werden. Weg mit dem Pferdeschwanz, raus aus den bunten Kinderklamotten, kein Mädchen mehr sein, sondern eine richtige Frau - eine ganz wilde. Ihr zur Seite steht eine Horde exzentrischer Halbweltdamen, die ihr bei diversen Verabredungen zeigt, was „wild sein" heißt. „Weiberrevue" nennt sich dieses bunte Theater- und Musikspektakel des Theater RambaZamba" aus Berlin. Unter der Regie von Gisela Höhne und der Musikredaktion von Bianca Tänzer präsentierte sich damit eine der bekanntesten deutschen Theatertruppen mit behinderten Künstlern beim integrativen Theaterfestival „Grenzenlos Kultur" im KUZ.Funkelnder Sternenhimmel, transparente Tücher und bunte Lichter - die Bühne ist eine geheimnisvolle Traumwelt. Immer anwesend ist die Kapelle, deren Musiker selbst nicht klar einzuordnen sind. Äußerlich alles Frauen, hübsch geschminkt und gekleidet in schicker Abendgarderobe, enttarnen sich einige im Verlauf als Männer.Ein Theaterabend, der gewohnte Kategorien ins Wanken bringt: Mann oder Frau, behindert oder nicht behindert, Traum oder Realität. Immer im Mittelpunkt stehen die Frauen: wild, sinnlich, und schrill. Mit glitzernden Paillettenkleidern, klappernden Absätzen, verrückten Hüten und leicht verrutschtem Lippenstift (Ausstattung: Angelika Dubufé) zeigen sie Nele singend und tanzend den Weg. Dabei setzen sich die verschiedenen Nummern zu einer Revue zusammen - eine furiose Mischung aus Friedrich Hollaender, Kurt Weill, Tamara Danz, Silly, Flamenco, Pop- und Jazz-Rhythmen.Eines wird schnell deutlich: In diesem Programm regiert die Ironie. Da wird das Lied „Big girl" der schwedischen Pop-Peinlichkeit Emilia mit erhobenem Mittelfinger kommentiert oder der „Sesamstraße"-Titelsong auf die Spaßgesellschaft umgedichtet: „Mir geht's gut, aus der Nase rinnt das Blut, gebrochen ist das Nasenbein, doch mir geht's gut".Eindeutiger Höhepunkt der Inszenierung ist das große Fressen, mit dem Neles Eintritt in die Frauenwelt gefeiert wird. An einem reich gedeckten Tisch trifft sich eine illustre Damengesellschaft zum Bacchanal - da wird gespachtelt, gesoffen, gekreischt und um die Wette gerülpst. Die Männer, süß aber dumm, haben hier nichts zu melden. Immerhin dürfen sie mit Hasenohren und Spitzenschürzchen die Sauerei aufräumen und halbnackt vor den Damen paradieren.Eine charmante, witzige und originelle Weiberrevue, in der die Männer genau die Rolle bekommen, die ihnen gebührt: die Nebenrolle.
Alexandra Schröder

Ein Berg Schuhe

"Weiberrevue" beim "Grenzlos"-Festival im KUZ

ink. Bunte Lämpchen, ein farbwechselnder Hintergrund, fantastische Gestalten: Die Bühne im Mainzer KUZ hatte sich in eine surreale Welt verwandelt, als Ramba Zamba - NormaIBehinderte und ihr total verrücktes Theater - mit der "Weiberrevue" im Rahmen des Theaterfestivals "Grenzenlos Kultur" auftrat.
Der Zuschauer erlebt die Entwicklung von Nele (Nele Winkler) vom jungen Mädchen zur Frau. Sie träumt davon, eine wilde Frau zu sein. Auf ihrem Weg begegnet sie Traumfrauen in Traumkleidern, die es lieben, sich zu verwandeln, selbstbewusst auf der Bühne zu stehen und Lieder zu schmettern. Der Spot wandert von Figur zu Figur, alle wollen einmal im Rampenlicht stehen, verrucht sein und gesehen werden.
Die an die 20er Jahre angelehnten Kostüme sind ein Augenschmaus: Pailletten und Federn, Spitze und Tüll, Glitten und' Flitter - glamouröser geht's nicht. Männer haben in Neles Glitzerwelt vorerst nichts verloren. Viel spannender ist das Entdecken der Weiblichkeit. Ein Berg Schuhe und laszive Bewegungen: Regisseurin Gisela Höhne findet Zeichen, um Neles Gefühle zu verbildlichen. Allmählich schleichen sich doch die Männer in ihr Bewusstsein, tanzen mit Hasenohren über die Bühne, wedeln kokett mit Plüschschwänzen.
Dialoge braucht die Inszenierung kaum, sie lebt von Bildern und Musikalität. Die Schauspieler interpretieren die Beatles, Friedrich Hollaender oder Marlene Dietrich, spielen die Streich- und Blasinstrumente von innen heraus mit viel Gefühl und Ausdruckskraft, ohne sie im herkömmlichen Sinne zu beherrschen. Unterstützt wird das Ensemble von professionellen Musikern, die mit Instrumenten und Gesang glänzen.
Leise Töne wechseln sich ab mit lauten Stimmungsknallern, die die Zuschauer zum Mitklatschen anheizen. Und wenn dann alle zusammen am Ende den Revuehit "Mir geht's gut" singen, schwappt eine solche Welle von Lebensfreude ins Publikum, dass es mit Begeisterung nach Zugabe ruft. Das ist Theater, das vom Herzen kommt - traumhaft.

 

 

 

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