Kritiken Mongopolis "Fisch oder Ente"

Gemurmel unter den Röcken

Mit dem Stück „Mongopolis" thematisiert „RambaZamba" die Gendebatte - und erobert Festivals und Bühnen
von Annette Wunschel

„. Normale Menschen könnten dieses Stück kaum spielen": Der Hinweis der Regisseurin Gisela Höhne bewahrheitet sich in der zweistündigen Aufführung des Science-Fiction-Krimicomics „Mongopolis". Alle Schauspieler sind Menschen mit Behinderungen, meist mit Down-Syndrom. Ihr Theaterspiel überzeugt, ja erobert das Publikum -und erlaubt nicht einmal mehr die vage Assoziation mit der Schaustellung anatomisch auffälliger Menschen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
Der Verein „Sonnenuhr" und die etwa 50-köpfige Theatertruppe „RambaZamba" wurden vor dreizehn Jahren gegründet. Nach Frank Castorfs Worten bilden sie heute „das einzige Theater, das ohne Sinnkrise auskommt". Mit bisher vierzehn Produktionen sind die beiden Gruppen (unter der Regie von Gisela Höhne beziehungsweise Klaus Er-forth) auf großen Festivals und Bühnen aufgetreten: auf den Expos in Lissabon und Hannover, in Wien und Zürich, Graz, München, Dresden, Hamburg, Leipzig sowie 2003 im Rahmen der Festspiele in Gmunden, am 23. September folgt die Berliner Akademie der Künste. Niemand „zeigt" diese Schauspieler, die jenseits ihrer Arbeit in betreuten Werkstätten viel Zeit. Kraft und Konzentration aufbringen, um andere Schicksale und Menschen darzustellen. Sie spielen nicht nur mit ansteckender Freude an der Erzeugung starker Bilder und Effekte, sondern auch mit der ebenso ansteckenden Freude am konsequenten Bearbeiten einer komplexen, wichtigen Frage, auf die es auch im Zuschauerraum keine gültige Antwort geben kann - und soll. Die Akteure spielen professionell. Die Wahrnehmung der Zuschauer wird keineswegs allein durch die moralischen Implikationen des Themas bestimmt, sondern vorrangig durch die Strategien des Ausdruckstheaters, durch ein hohes Niveau von Expressivität. Improvisation und Spontaneität Hinter jeder Szene verbirgt sich hartes Training und entwickelte Technik. „Mongopolis" bietet ein kontrastreiches Spiel mit Körpern. Videos, elektronischer Musik, Handpuppen, Tänzen unter „Zerhackerlicht", wie das Script vorschreibt: es wird viel gemurmelt unter den Röcken der Schwangeren (das Rauschen der Gendebatte, wohlplatziert), und vereinzelt wird aus Empörung und Ohnmacht laut geschrien. Die Spieler agieren, aber sie spielen in allen Stücken auch sich selbst. Das Stück.. Mongopolis" ist neu für „RambaZamba", weil es von den existenziellen Themen der Gruppe handelt: Es geht um die Genforschung, um den Wunsch, perfekte Kinder und Menschen erzeugen zu können, es geht um Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID), um Menschen als „Material" und „Biomüll".
Der Titel „Mongopolis" verweist auf Vergangenheit und Zukunft: auf die erst seit den neunziger Jahren tabuisierte Bezeichnung „Mongolismus" für das Down-Syndrom. dem sich mit der PID das so genannte „Down-hunting" als absehbare Zukunft zugesellt hat. und auf „Metropolis", den ersten Science Fiction-Film überhaupt, in dem Fritz Lang 1926 den alten Konflikt von Oben und Unten, Macht und Elend in die architektonische und soziale Zukunft des Maschinenstaats projiziert hat Auch „Metropolis" handelt vom Verbrechen der Perfektion, von der Erschaffung eines Automatenmenschen, dessen listige Pracht die Menschen korrumpiert. Erst Filme wie „Blade Runner" oder
„A. I. " haben uns gelehrt, auch Empathie mit den versklavten oder gejagten „Replikanten" zu empfinden Längs Lösung war allerdings unpragmatisch und romantisch: Das „Herz1* müsse „Mittler" sein zwischen „Hirn und Hand". Die „Mongopolis"-Bühne (von Angelika Dubufe) lasst die Filmarchitektur- Pyramiden, auf Unterwelt-Grund - deutlich anklingen, meidet aber die Betulichkeit der Vorlage. Zahllose christliche Motive. Figuren und Dialoge des Stücks scheinen sie zu zitieren und werden ebenso oft verworfen, durch jede Geste und jedes Wort der real (und gespielt) behinderten Schauspieler verfremdet und rekombiniert: Gott und Teufel, Lilith und Eva. Adam und seine Nachfahren, Fische und Enten treten auf - aber Gott selbst ist behindert und denkt an Suizid. Adam muss ihn anfeuern, seinen Kindern zu helfen: selbst Lilith hält sich weder an ein christliches noch ein feministisches Drehbuch.
„Mongopolis" setzt mit einer Geburtsszene ein, die rasch in eine Selektion übergeht. Verführt durch populärgenetische Wunschvorstellungen überlassen unzufrie-
Der grünhaarige mad scientist verspricht das fehlerhafte Kinder-„Material zu sammeln und daraus „perfekte" Menschen zu machen. Im Gegenzug erhält er vom Bürgermeisterpaar die Besitzrechte am Wasser der Gemeinschaft. Dreihundert Jahre später (die gebräuchlichste Spanne aller Lebenselixier — und Lebensverlängerungsliteratur) beginnt die kriminalistische Spurensuche. Ein durch die Galaxien rasender Reporter berichtet von den Zuständen auf dem Planeten „Mongopolis". auch ein Kommissar in Tweed untersucht die akute Wasserknappheit und das gehäufte Verschwinden von Kindern. Doch die Perfektion der „Perfekten" zeigt sich zunächst unwiderlegbar - mit ihren vier Armen sind die namenlosen, wortkargen Cyborgs als perfekte Schreibkräfte im Dauereinsatz für dasselbe Bürgermeisterpaar, das ehemals den Pakt mit Dr. Teufel sanktioniert hatte, Ihre Arbeit sichert den Wasserreichtum von „Mongopolis" und ermöglicht dem Bürgermeisterpaar regelmäßige Bäder im Jungbrunnen. Den perfekten Arbeitskräften bleibt dagegen nichts, denn ihr streng rationiertes Wasser wird ihnen schrittweise entzogen. Das Prinzip der Perfektion widerlegt sich erst selbst als die Bürgermeisterin durch einen „Downhunter" getötet wird. Sie selbst hatte eine neuerliche verschärfte Selektion eingeleitet, bei der die ängstlicher Gesichter der Vierarmigen in großen Video Projektionen gezeigt werden Die Szene war bei den Proben schwierig, vielleicht, weil sich hier Stück und Wirklichkeit unmittelbar berühren.
Als einzelne „Perfekte", durch den Comic der religiösen Motive aus Reih und Glied getragen, zu sprechen beginnen und vom Bühnenrand verzweifelte oder freche Hilferufe zur Erde senden: „Nehmt mich, ich bin groß ich habe eine Brille, ich möchte einen Kuss ich habe eine perfekte Gestalt, nehmt mich auch als Ersatzteil... " - da wird die Distanz zwischen Spielern und Publikum kurzfristig aufgegeben. Das Verbrechen wird zwar -wie im Krimi - aufgeklärt dennoch bleibt den Zuschauern der Verdacht. Jean Baudrillard habe womöglich Recht gehabt, als er behauptete: „Das Verbrechen ist nie perfekt, aber die Perfektion ist immer ein Verbrechen. "

Tagesspiegel

Das Perfekte und das Unperfekte

RambaZamba I: Charmante „Mongopolis"-Inszenierung zum Auftakt des 5. integrativen Theaterfestivals im Kulturzentrum

Sie haben keine Namen. Sie haben keine Eltern. Sie haben kein Zuhause. Dafür haben sie vier Arme und sind In sterile weiße Uniformen gepackt. So steht es um die "Perfekten", die Bewohner der Science-Fiction-Stadt "Mongopolis". Das gleichnamige Stück machte den Auftakt zum integrativen Theaterfestival im KUZ.
MAINZ. Hinter den merkwürdigen Menschmaschinen, den Perfekten steckt ein Dr. Teufel, der die Spezies gentechnisch herangezüchtet hat und nun als automatisierte Arbeitssklaven einsetzt. Längst ist Dr. Teufel auch Herr der Stadt, seit er durch eine Übereinkunft mit dem korrupten Bürgermeister das Monopol auf die knappen Wasserreserven an sich gerissen hat. Alles liefe nach Plan, wären da nicht der Unperfekte Adam, der durchgeknallte Kommissar XXL und ein ebenso seltsamer Typ, der sich. Gott" nennt...
Mit „Mongopolis“ von der Berliner Theatergruppe „RambaZamba“ wurde am Freitag Abend im KUTZ die fünfte Ausgabe des integrativen Theaterfestivals. Grenzenlos Kultur" eröffnet. Der Clou der Inszenierung: Den Großteil der Darsteller würde es in der Stadt der, Perfekten" überhaupt nicht geben. Sie haben das Down-Syndrom und stehen mit ihrer geistigen Behinderung und ihrem Körper für das „Unperfekte“, das Gentechnik und Prädiagnostik immer mehr in Frage stellen. Sie verhandeln gemeinsam mit nicht behinderten Darstellern ihr ganz persönliches Thema - und die Frage, warum es die ganze Gesellschaft angehen sollte.
Gisela Höhne hat zusammen mit dem Ensemble eine ungeheuer charmante Inszenierung geschaffen, die bis ins Kleinste vor Phantasie geradezu strotzt. Da sind die liebevoll geschneiderten Kostüme mit allerlei verspielten Details (Gott etwa trägt ein kleines blaues Wölkchen auf dem Kopf), die effektvolle Beleuchtung, die grotesken Schminkmasken. Getragen wird „Mongopolis" aber von der unbändigen Spielfreude seiner Akteure: Rene Schappach und Patricia Schulz liefern ein herrlich verqueres Bürgermeister-Paar, Moritz Höhne begehrt als Adam mutig gegen die Perfekten auf, und Franziska Kleinert parodiert als Kommissar XXL amüsant den Typus des Kleinstadt-Sheriffs. All das wird fast ohne moralischen Zeigefinger vorgebracht, sondern in einer schwarz-humorigen, aber immer human gestimmten Weise, die einen trotz aller Bedenken hoffnungsvollen Blick in die Zukunft des „Unperfekten" an der Spezies Mensch wirft.

Mainzer Rhein Zeitung 10.10.2003, Oliver Mayer

Wer spielt mit wem in der Unterwelt?

RambaZamba II: Puppen und Experimente

MAINZ. Unterwelt, Unterwasserwelt Nebel, ein gläsern erleuchteter Laufsteg. Auf der Hinterbühne des KUZ die Klinik von Professor Dr. Hades, bei dem sich ein Dr. Teufel als Oberarzt bewirbt. Das Erzählen mag nach einem bekannten Diktum. ein weites Feld" sein, das Spielen ist „grenzenlos" -- so wie der Titel des Festivals im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen. So, wie hier gespielt wird, müßte es „der Menschen mit Möglichkeiten" heißen.
Einen Tag vorher hatte das Theater RambaZamba mit „Mongopolis“ das Festival eröffnet. Nun präsentieren sie eine Performance aus dem, was sich am Rande der Projekte ergeben hat was die Akteure gemeinsam weiter entwickelt haben: Work in progress, überschrieben „Von Puppen und Perfekten“. Regie führt Gisela Höhne. Die Erkrankung ihres Sohnes Moritz vor 13 Jahren war Anlass für die Gründung des erfolgreichsten deutschen Integrationsensembles gewesen. Inzwischen sind die Künstler Profis, ab 2004 mit eigener Probebühne.
„Wenn ich doch perfekt sein könnte!" seufzt Hades vor Hekate, „damit du mich Heben kannst" „Quatsch", antwortet die Angebetete ohne jede Larmoyanz.
Dann tanzen der Teufel und Hekate zu alten Schlagern aus einem alten Grammophon: „Davon geht die Welt nicht unter“. Die grell geschminkte Krankenschwester Maria legt sich in eines der Betten, Während acht Freitote in weißen Overalls mit langen Pfauenfedern als Wünschelruten nach Wasser suchen.
Es kommt zu ebenso zärtlichen wie witzigen Szenen. „ Mit einem Bein steh'ich Im Grab", sagt jemand, „was mach ich mit dem zweiten?" Dr. Teufel bietet Ersatzteile an und Puppen als „perfekte Frauen". Keine Konkurrenz für die glatten Gliedmaßen der Schaufensterfiguren ähnlichen Homunkuli, mit denen Anna Fregin und Dorothee Metz als in das RambaZamba Klinikpersonal voll integrierte Gäste hantieren. Die beiden Puppenspielerinnen demonstrieren mit Körperteilen und Prothesen höchst kunstvoll und sinnfällig, wozu wir Heutigen imstande sind: die (De-)Kon-struktion des Menschen.
Alles Unperfekte scheint vermeidbar. „Arme Puppe", meint Schwester Maria, als sie den Kopf mit den Armen übernimmt „ohne Rücken, ohne Bauch, ohne Beine. " Fragwürdige Experimente. Wer spielt hier so perfekt mit wem in der Unterwelt?

Mainzer Rhein Zeitung 10.10.2003, Brigitte Dörrtamm

RambaZamba, die „theatralische Compagnie" der Berliner Kunstwerkstatt Sonnenuhr, hat zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen ein ganz besonderes Stück einstudiert. In „Mongopolis - Fisch oder Ente?" stellen Menschen mit geistiger Behinderung selbst die Frage nach ihrem Lebensrecht.
Das Lachen kann den Zuschauern schon mal im Hals stecken bleiben, wenn sich „die Perfekten", die im alltäglichen Leben als geistig behindert gelten, auf der Bühne formieren oder missgebildete Kinder als Requisiten durch die Luft fliegen.
Dabei ist der Abend durchaus unterhaltsam und bietet dank eines fantasievollen Bühnenbildes, wunderschöner Kostüme und vor allem dank des präsenten Spiels der Künstler ein eindrucksvolles Erlebnis. Die Geschichte ist eine Mischung aus Science Fiction und Krimi, in der mit allerlei Anspielungen eine „schöne neue Welt" mit perfekten Menschen entsteht. Aber neue Probleme lassen nicht lange auf sich warten... Am 23. September ging in der Akademie der Künste die Uraufführung im Rahmen der Aktion-Mensch-Kampagne „Berlin - Stadt der 1000 Fragen" über die Bühne.
Bis das Stück fertig war, lag ein langer kreativer Prozess hinter allen Beteiligten. „Ich wollte ein Stück machen, das
sich intensiv mit genetischen Aspekten der Behinderung, aber auch mit den Betroffenen beschäftigt" sagt Gisela Höhne, die das Theater RambaZamba zusammen mit Klaus Erforth leitet. „Es geht darin vor allem um das, so sein Können". Ein Jahr lang improvisierte die Truppe gemeinsam und sammelte die Texte. Dann zog sich die Regisseurin zurück, um das Buch, Grundlage für die weitere Theaterarbeit, zu schreiben. „Wir schauen gemeinsam, ob das Ausgedachte in der Praxis auch funktioniert" erläutert die Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin ihre Technik.
„Ihr Handicap macht ihnen den Alltag oft zur Qual - ihre Kunst aber wild und poetisch" schrieb der STERN. Gisela Höhne versteht es, dieses Potenzial zu nutzen, mit Emotionen zu arbeiten und die Gefühle der Schauspieler erlebbar zu machen.
Die Identifikation mit den Rollen hängt sicher auch damit zusammen, dass die Stücke gemeinsam erarbeitet werden. „Die Texte kommen aus ihnen selbst. " Erklärt die Regisseurin. Bei Mongopolis hatte sie am Anfang zunächst thematisiert, ob Menschen mit Behinderung überhaupt leben sollen, was eine Schwangerschaft für eine Frau bedeutet.
Als sich nach den ersten Wochen Routine einzustellen drohte, rief Gisela
Höhne den Schauspielern wieder in Erinnerung: „Es geht um Euch - nur um Euch! Und um das, was daraus wird. " Das ging den Schauspielern sehr nahe, erzählt eine RambaZamba Mitarbeiterin.
Dass sich Menschen mit Behinderung auf der Bühne gegen Behinderung wenden, birgt eine tiefe Ironie. Sie zu verstehen falle vielen schwer, so Gisela Höhne, doch das müssten sie auch gar nicht begreifen. „Man muss nicht klüger sein als seine Rolle", zitiert sie eine Theaterweisheit. Gerade das ist der Vorteil dieser besonderen Schauspieler.
RambaZamba sei das einzige Theater, das ohne Sinnkrise auskomme, lobt Völksbühnen-Intendant Frank Castorf. Wie am großen Theater ist allerdings das Leben hinter den Kulissen. Jeden Montag eine vierstündige und vor Uraufführungen fast tägliche Proben verlangen Durchhalte vermögen. Am Wochenende finden dann die Aufführungen in der Berliner Kulturbrauerei statt. Ob Liebeskummer zwischen Schauspielern oder eine starke Erkältung - nichts lassen sie sich anmerken. „Ihr habt schön gespielt. " lobt Gisela Höhne nach der Aufführung. „Ihr seid eben richtige Schauspieler. Da kann persönlich passieren was will. " Die Aufführungen finden in der Regel freitags und samstags um 19 Uhr im RambaZamba Theater in der Kulturbrauerei (Knaackstr. 97, Ecke Danziger Straße) in Prenzlauer Berg statt. Die Räume sind Rollstuhl geeignet.

Lebenshilfe Zeitung, Martin Franke

Verpackerin Beatrix Brandler

Seit sechs Jahren ist die gelernte Möbel-tischlerin bei fast allen Stücken von RambaZamba für Maske und Kostüme verantwortlich. Außerdem kümmert sie sich um Bühnenbild und -technik.

Das perfekte Verbrechen sieht aus wie Claudia Schiffer: Eine lächelnde Schönheit ohne Fehl und Tadel, ein Wesen ohne krummen Rücken, chronische Bronchitis oder schlechten Geschmack. Etwas roboterartig in der Bewegung zwar, dafür aber ohne jeglichen Witz und Verstand. Und mit vier Armen, damit das Arbeiten schneller klappt. Solch ein Wunderwesen entsteht nicht auf gewöhnlichem Weg: Seinen Ursprung hat es in einem Verbrechen - der Aussonderung alles nicht Perfekten. Alles ist möglich in Mongopolis, der Stadt der Zukunft, Hauptsache, die Gene sind gesund. Männerpaare bekommen kleine Fischkinder. Niemand ist mehr krank oder gar behindert. Ungeliebter oder missratener Nachwuchs wird wie Kaufhausware umgetauscht in Gottes Vorzimmer. Dort hat sich der Teufel häuslich eingerichtet und verteilt Werbezettelchen an die potenzielle Kundschaft: „Mitgebracht werden können auch einzelne Reste von verstoßenen oder verschwundenen Kindern. Ein Körperteil reicht. „ Natürlich kann niemand von Mord sprechen, dafür sind die Methoden viel zu raffiniert. Den „kranken und schwächlichen Exemplaren“ den Tod ein wenig zu „erleichtern“ versprechen die Jäger der kranken Gene in „Mongopolis“. Oder sie formulieren ihre Träume vom perfekten Erbgut ganz unverdächtig: „Man muss das Material nur richtig auswählen und an die richtige Stelle setzen. „
Material auswählen und einsetzen - die schmutzige Fiktion einer sauberen Menschenzucht wird vom Berliner Ensemble „RambaZamba“ mit Mitteln des Theaters subversiv konterkariert: Die perfekten Wesen werden im Stück von Menschen mit Down-Syndrom dargestellt.
Die Geschichte vom Struwwelpeter und das 1000-Fragen-Projekt der Aktion Mensch gaben wichtige Impulse für die
aktuelle Inszenierung von RambaZamba, die Ende September in Berlin uraufgeführt wurde. Die schon im Struwwelpeter zu findende Auswahl von Kindern mit „guten“ und „bösen“ Eigenschaften habe das Ensemble bei der Inszenierung des Stücks besonders interessiert, erzählt die Leiterin der Theatertruppe Gisela Höhne. „Mongopolis“ versteht sich als Kommentar zu der in den letzten Jahren verstärkt geführten Diskussion um Präimplantationsdiagnostik (PID) und Bioethik, die von Menschen mit Behinderung als reale Bedrohung empfunden wird. Die Charaktere im Stück spielten „mit den Gefahren für ihr Leben und ihr Dasein“, erfährt man im Programmheft, und das hört sich kaum nach Übertreibung an: „Das bereits Errungene an gesellschaftlicher Akzeptanz und Integration so genannter geistig Behinderter scheint ... auf ganz neue Weise in Frage gestellt.“ Regisseurin Höhne macht kein Hehl daraus, dass sie den freundlichen Bemühungen der Humangenetiker um die Volksgesundheit gründlich misstraut. Aus gut drei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern, überwiegend mit Down-Syndrom, besteht das RambaZamba-Ensemble. Dass es solche Menschen in Zukunft nicht mehr geben soll, nennt sie unumwunden „Ausrottung“. Die gelernte Schauspielerin und Regisseurin weiß, wovon sie spricht, sie kennt die Fakten. 97 Prozent aller durch PID im Mutterleib diagnostizierten Kinder mit Down-Syndrom wurden 2002 bereits abgetrieben. Gisela Höhne ist Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom: Moritz Höhne spielt in Mongopolis den Adam. „Er ist eine Bereicherung, nicht nur für mein Leben“, sagt sie.
„Mongopolis“ ist alles andere als ein niederschmetternder Theaterabend. Aus dem, was heute noch schreckliche Vision ist, hat RambaZamba einen „Science-Fic-tion- Krimi -Comic“ gemacht, eine komische Oper ohne Gesang, die Karikatur einer Ethik, die bei Bedarf aussortieren und Sterben helfen will angeblich im Dienste der Menschheit.
In der auf einen fernen Planeten verlagerten Stadt Mongopolis bleibt der Pakt mit Dr. Teufel nicht ohne Folgen: Weil die Einwohner nur noch perfekte, schöne und superintelligente Kinder haben wollen und der Teufel als Gegenleistung dieses Wasser der Stadt verlangt, wird das bald knapp. Wer soll leben, wer sterben, wenn die Lebensgrundlage nicht mehr für alle reicht? Zuviel Stress für Gott, der unter solchen Umständen nicht mehr weitermachen will. Was hilft es schon, dass Kommissar XXL auf der Suche nach Schuldigen durch einen Wust intergalaktischer Propaganda watet, die wider besseres Wissen stets einen gleich bleibend hohen Wasserstand verkündet?
Kein Lehrstück sei das, sagt Regisseurin Gisela Höhne, gleichwohl aber politisches Theater im besten Sinne. Seit gut zwölf
Jahren probt und spielt RambaZamba in der Berliner Kulturbrauerei. Die Truppe gilt als herausragendes integratives Ensemble, sie hat zahlreiche Auslandsgastspiele absolviert und ist für ihre Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Nahezu zwei Jahre dauerten die Proben zu „Mongopolis“, während nur wenige Kilometer entfernt in Parlamentsausschüssen die Experten um eine neue Definition lebenswerten Lebens feilschten.
„Mongopolis“ liefert keine Antworten, sondern will die Zuschauer in eine Geschichte verwickeln, Fragen stellen. Dass man gegen die Aussortierer des 21.Jahrhunderts vielleicht schon verloren
habe, will Höhne nicht gelten lassen. „Wir glauben alle zutiefst an eine Restvernunft
und daran, dass man bestimmte Tendenzen zumindest aufhalten kann.“

Menschen 03/2003, Martin Lentzen

„Nobody is perfect“ - ein Spruch in aller Munde. Und doch wird unsere Welt scheinbar immer perfekter. Wie würde sie aussehen, wenn wir wirklich alle perfekt wären? Dem Perfektionswahn der Gentechnik hat sich das „total verrückte Theater“ RambaZamba, ein integratives Ensemble aus Berlin, angenommen. Mit gleich zwei Inszenierungen („Mongopolis“, „Von Puppen und Perfekten“) präsentierte es sich zum Auftakt des Theater festivals„grenzenlos kultur vol. 5“, das die Lebenshilfe gG mbH Kunst und Kultur mit dem KUZ veranstaltet. An beiden Abenden (Regie: Gisela Höhne) stand der perfekte Mensch im Mittelpunkt. „Sind Sie zufrieden mit Ihren Kindern? Oder wollen Sie sie auch umtauschen?“, fragt Dr. Teufel (Joachim Neumann) die „Mongopolis“-Zuschauer, die kurz zuvor verschiedene Paare beim Formularaussfüllen beobachten konnten: „Farbe gefällt nicht, zu teuer, Artikel anders als erwartet.“ Der Bürgermeister und seine Frau wollen eine perfekte Stadt mit perfekten Menschen. Die Jagd auf alle Unperfekten, denen „das Sterben erleichtert“ werden soll, beginnt. Später bekommt das Publikum die perfekten Menschen zu sehen: weiße Einheitsanzüge, schwarze Bottiche auf dem Kopf mit aufgeklebten, glatten Werbegesichtern; alle führen die gleichen mechanischen Bewegungen aus, keiner hat einen Namen. Allerdings setzen Adam und Eva dem Teufel tüchtig zu, denn Menschen, die lachen und weinen, sind sehr gefährlich für eine perfekte Stadt...
Trotz ernster Thematik eine Aufführung voller Lebensfreude - mit Plüsch, Plastik, Glitzer, abstrakten Hüten und vielen Farben. Wie aus einer anderen Welt sehen die Schauspieler in den Phantasie-Kostümen von Beatrix Brandler aus; die multimediale Ausstattung verstärkt die Science-Fiction-Atmosphäre. Auch wenn die von RambaZamba selbst entwickelte Handlung sehr verworren wirkt, ist die Problematik stets präsent. Der schrille Regie-Stil unterstreicht, wie grotesk es ist, Gene zu selektieren. „Ich will kein blaues, ich will ein rotes!“ beschwert sich da eine Frau nach der Geburt Doch gibt es auch leise Momente. Etwa als Dr. Teufel vo einer Reihe von Darstellern mit Down-Syndrom steht -alle Überflüssigen sollen eliminiert werden - und die Anwesenden fragt: „Wählen Sie aus, welche geboren werden sollen!“ Ein Scheinwerfer wandert langsam von Schauspieler zu Schauspieler, lange auf den einzelnen Gesichtern ruhend die zusätzlich auf eine Leinwand projiziert werden. An solchen Stellen macht sich Beklommenheit breit. Die Gruppe hat ihr eigenes Thema auf die Bühne gebracht: Menschen wie ihres gleichen sollen abgeschafft werden; Embryonen mit dem Befund Trisomie 21 werden heute meist abgetrieben. Doch will die Gruppe kein Mitleid heischen. Gezeigt wird viel mehr, dass anders nicht gleich schlechter ist.
Dass viele Schauspieler nicht klar artikulieren, stört übrigens nicht. Das Geheimnis von RambaZamba ist gerade die Ästhetik des Anderen. Und vor allen Dingen die überschwappende Lust am Spielen.

Mainzer Allgemeine Zeitung, 16. September 2003, Inka Müller
Wider den Perfektionswahn Theaterfestival „Grenzenlos“

Science-fiction-Thriller-Comic

Theater Rambazamba Hier sprechen die, die es schon gar nicht mehr geben soll: „Mongopolis - Fisch oder Ente“

Ein verschwundenes Kind..., tote Fische im Aquarium ... In Mongopolis, der Stadt der Perfekten, wird das Wasser knapp; sie kippen um wie die Fliegen. Kommissar XXL steht vor einem Rätsel. Alles nur Gerüchte? Oder droht die sich selbst perfektionierende Perfektion zum Ende der Menschheit zu werden? Ein Sciencefiction-Krimi, der mit den Mitteln des Comic das perfekte Verbrechen sucht: den perfekten Menschen.
„Mongopolis - Fisch oder Ente“: Gisela Höhne startet mit ihrer Hälfte der Rambazamba-Theatercompagnie ein für alle Beteiligten neuartiges Projekt: öffentliche Probendurchläufe zum Thema „Der perfekte Mensch“ mit anschließender Publikumsdiskussion. Die Premiere wird im 2. Halbjahr liegen, davor soll ein Prozess öffentlicher Selbstverständigung stattfinden, der Beteiligten und Betroffenen - Schauspielerinnen und Schauspieler mit so genannter geistiger Behinderung nebst ihrem Rambazamba-Team und Sympathisanten - und dem Publikum Gelegenheit gibt, sich zu äußern und auszutauschen. Auch künstlerisch erobern sich die Schauspielerinnen und Schau¬spieler dabei ein neues Genre: Sie agieren im Spannungsfeld von Sciencefiction und Groteske, Krimi und Comic. Die verwickelte Geschichte, in der außer herum wimmelnder künstlich erzeugter Perfekter ein galaktischer Reporter, ein Tatortkommissar und jede Menge biblischer Figuren vorkommen, lässt am Ende alle fragen: Was bin ich nun, Fisch oder Ente? Es geht um nicht weniger als die Fragen nach der Auswahl - gute Gene, schlechte Gene, Bevorzugung und gar Züchtung, der „guten“, Vernichtung und Ablehnung der „schlechten“ Gene. Die Szene spitzt sich zu und wird mehr und mehr zum Krimi, in dem sich die auswählenden Organe ins Aus katapultieren: Allen voran der Bürgermeister, dessen Frau und Dr. Teufel - die natürlich nichts Anderes wollen als eine saubere, gesunde und glückliche, vor allem positive Stadt.
Kaum wahrgenommen von Nichtbetroffenen und Nicht-Fachleuten und durch eine geschickt immer wieder neue Gremien zu Rate ziehende Politik unterstützt, entwickeln sich Forschungen, die es heute schon erlauben, Menschen mit Trisomie 21 und anderen Gen-Abweichungen bereits in der Keimzelle zu entdecken: In der Pränataldiagnostik identifiziert und aufgespürt, werden mehr als 90% von diesen „Entdeckten“ abgetrieben und in der Präimplantationsdiagnostik vollständig aussortiert. In „Mongopolis“ melden sich nun jene zu Wort, die es bald nicht mehr geben soll: Menschen mit Trisomie 21 (Down Syndrom) und ihre behinderten wie nicht behinderten Künstlerkollegen. In witziger und beeindruckender Weise spielen die Figuren mit den Gefahren für ihr Leben und ihr Dasein. Darüber zu reden und sich gegenseitig zu fragen, scheint uns ein für alle Beteiligten lohnendes Unterfangen.

Berliner Zeitung 28.02.2003

Künstlich perfektionierte Wesen in „Mongopolis - Fisch oder Ente“ Und wenn man das alles anschaut, entstehen auf unaggressivste Weise Prioritäten, Wichtigkeiten, Werte, so dass ich wirklich und wahrhaftig Dankbarkeit empfinde, dass ich dabei sein durfte,... ...sagte Schauspielerin und Akademiemitglied Jutta Wachowiak 1996 anlässlich der Verleihung des Förderpreises Darstellende Kunst an die Theatergruppe Rambazamba. Nun gastiert die theatralische Compagnie der Berliner Kunstwerkstatt Sonnenuhr für Menschen mit so genannter geistiger Behinderung im September erstmals in den Räumen der Akademie der Künste am Hanseaten-weg. Premiere hat im Rahmen des Internet- und Plakat-Projektes zur Bioethik „1000 Fragen“ von Aktion Mensch das Stück „Mongopolis - Fisch oder Ente“ (Buch und Regie: Gisela Höhne). Die neue Arbeit von Rambazamba ist ein utopischer Thriller, inszeniert als schrill-schräge multimediale Ausstattungsrevue voller Comic-Elemente (Kostüme/Masken/Requisiten: Beatrix Brandler), verpackt in raffinierte elektronische Klänge (Jacob Höhne). Es geht um die Suche nach dem perfekten Verbrechen, ja dem perfekten Menschen. Die verwickelte Geschichte, in der auch ein galaktischer Reporter, ein Kommissar in Sherlock-Holmes-Karo und jede Menge biblischer Figuren herumwimmeln, stellt am Ende alle vor die Frage: was bin ich nun, Fisch oder Ente? Es geht um nicht weniger als um die Fragen nach der Auswahl - gute Gene, schlechte Gene -, also um Bevorzugung und gar Züchtung der „guten“, um Vernichtung und Ablehnung der „schlechten“ Gene. Berliner Zeitung 29.08.2003
Mongopolis - Fisch oder Ente Ein Science-fiction-krimi-comic „Das Verbrechen ist nie perfekt, aber die Perfektion ist immer ein Verbrechen“ (Jean Baudrillard) Eine Postwurfsendung, die der Zuschauer beim Eintritt in die Hand gedrückt bekommt, bietet ein „Einmaliges Angebot“: „Heute Abend können Sie Ihre ungeliebten oder missratenen Kinder umtauschen! - Ort: Wartezimmer bei Gott“. Nur leider kränkelt der Liebe Gott und darum übernimmt Dr. Teufel den Umtausch. Kein Problem und um so besser, denn: „Perfekte Kinder gibt’s nur beim Teufel!“ Und der verlangt dafür noch nicht mal die Seele, sondern nur Wasser! Na dann ... Damit beginnt der rasante Sciencefictionthriller, gespielt von der Theatergruppe RambaZamba des Vereins „Sonnenuhr“, in dem es um die Suche nach dem perfekten Menschen und dem perfekten Verbrechen geht; oder ist es etwa die gleiche Suche? Kommissar XXL und ein galaktischer Reporter ermitteln in Sachen Kinderschwund auf der Erde und Wassermangel auf dem Planeten der perfekten Menschen -Mongopolis. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen ... Gott ist das alles zuviel, er würde sich am liebsten zum Sterben hinlegen; mit seiner Hilfe ist also kaum zu rechnen. So bleibt es an den beiden Ermittlern, die Verbrechen aufzuklären. Auf der schrägen Bühne und davor werden in schrillen Kostümen und mit allerlei multimedialem Beiwerk Fragen behandelt, die die hier agierenden, geistig behinderten Schauspieler direkt betreffen: Gibt es den „richtigen“, „guten“, den perfekten Menschen? Und: haben die Unperfekten einen Anspruch auf Leben? Diese Fragen, deren Antworten scheinbar auf der Hand liegen, sind höchst brisant. Die Wissenschaft ist auf dem Gebiet der Früherkennung von genetischen Defekten bei Ungeborenen schon weit vorangeschritten. Mit der PND (Pränataldiagnostik) werden Trisomie 21 und andere Gen-Abweichungen bereits in der Keimzelle entdeckt. 90% der „Abweichler“ werden abgetrieben. In den USA gibt es Krankenkassen, die verlangen, dass man zu Beginn der Schwangerschaft eine Fruchtwasseranalyse machen lässt. Wird dabei festgestellt, dass das Kind eine Behinderung haben wird, fordert man die Eltern auf, abzutreiben. Geschieht das nicht, so zahlen die Kassen später nicht. Die Verwirklichung von Utopien, wie sie z. B. in dem Film „Gattaca“ entworfen wurden, erscheint nun nicht mehr nur denkbar, sondern unaufhaltsam: Normal geborene Kinder mit natürlichen „Fehlern“ sind als „Invaliden“ keine vollwertigen Menschen und bekommen somit auch nicht die gleichen Chancen wie „Valide“, deren genetische Unversehrtheit vor der Zeugung überprüft wurde. Es soll also Menschen mit mehr oder weniger starker Behinderung, wie Moritz Höhne und Nele Winkler, beide Schauspieler beim Theater RambaZamba, bald nicht mehr geben. Mit außerordentlicher Spielfreude und viel (schwarzem) Humor spielen die Schauspieler von Rambazamba ein Stück, das, so Regisseurin Gisela Höhne, „normale Menschen (...) kaum spielen“ könnten. Die Spieler bearbeiten die komplizierte und wichtige Thematik eindringlich und überzeugend. Nicht durch Moral und mitleidserweckende Szenerien besticht das neue Stück der Gruppe RambaZamba, sondern durch einen hohen Anteil an Spontaneität und Expressivität, gepaart mit Professionalität. Die Fragen nach der Lebensberechtigung eines sogenannten geistig Behinderten wird bewusst nicht beantwortet von den Akteuren. Die Zuschauer können - und sollen - sich selbst Gedanken machen zu dem Thema. Und, trotz aller Komik und Unterhaltsamkeit, nachdenklich macht das Stück dennoch. SpielART 29 43, Julia Gajewski

 

 

 

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