| Absage an den Tod Die Gruppe Ramba Zamba spielt „Woyzeck(en)" nach Georg Büchner Der Tod findet bei der Gruppe Ramba Zamba, einer theatralischen Compagnie geistig behinderter Menschen und Anderer, keine Anerkennung. Sie setzt den „schönen Mord", mit dem Büchners Dramenfragment „Woyzeck" schließt, an den Anfang. In nächtigem Dunkel eilen Gerichtsdiener und Leichenverwerter an den Tatort - aber Marie und Woyzeck tauchen aus dem stählernen Verlies wieder hervor wie aus einem Alptraum und gehen fröhlich in ein neues Leben hinein. Sie stellen sich diesem frisch gewonnenen Dasein mit Zärtlichkeit und Leidenschaft, mit Liebe und Haß, mit Zorn und Bescheidenheit. Umgeben sind sie dabei von vielen Menschen, die wie sie nichts als leben wollen. Der Zirkus zieht auf, Gaukler und Artisten sind da, Ausrufer und Puppenspieler. Geschichten, Anekdoten, Zoten werden erzählt, es gibt Tanzfeste und Orgien wie zur Walpurgisnacht, überschäumende Begeisterung und toll-dreiste Frechheit aller Art Und dazwischen wieder Stille, Nachdenklichkeit. Das Zugehen auf das Publikum ist Prinzip des Spiels der Gruppe Ramba Zamba. Alle sollen mitmachen, sich mit ihrer Phantasie einbringen, wie die behinderten Künstler ihre schöpferischen Energien entdecken und ungehemmt nach außen bringen. Auf dem grünen Teppich des „Theaters im Pferdestall" (KulturBrauerei) entfalten sie, mitten unter den auf Bänken um das große Rechteck sitzenden Zuschauern, ihre Lust an Verwandlung, am Außer-Sich-Sein, mit dem sie in das Zentrum ihrer reichen künstlerischen Möglichkeiten finden. Die Entfaltung von Phantasie ist schier grenzenlos, von der Gestaltung der Kostüme über die Bewegung bis zum Umgang mit Musikinstrumenten. Die Gruppe macht sich Büchners Fragment zu eigen, durch eigene Erfindungen, neue Figuren. So genießt der heiser röhrende, Baßgitarre spielende Tambourmajor einen rauschenden Triumph inmitten jubelnder Frauen wie beim Rock-Konzert, Arzt und „Professor" haben einen grausig-heiteren Auftritt beim Sezieren von Leichen-Puppen, der Hauptmann, sterotyp lächelnd mit gebleckten Zähnen, spielt eine Art Boule, Narr Karl verkauft Präservative... Immer im Mittelpunkt aber bleiben Woyzeck und Marie. Joachim Neumann spielt den Soldaten, aus kleinen Büchsen Erbsen löffelnd, mit einer temperamentgeladenen Energie, rennend, exerzierend, kriechend, Purzelbaum schlagend und dann wieder ganz schlicht, ganz verhalten. Die Brasilianerin Alice Kaufhold zeigt eine zierliche, zerbrechliche Marie, schmiegsam und liebebedürftig, in einer stillen Szene vor dem Spiegel im bitteren Konflikt mit ihrer Treulosigkeit. Am „Wasser" dann verschmilzt sie mit Woyzeck in einem letzten Kuß, das Paar kugelt über den Boden, glücklich, verzweifelt. Dann sticht Woyzeck zu, verkriecht sich unter dem Teppich - und kommt wieder hervor. Erneuter, zweiter Protest gegen Erniedrigung und Tod. Woyzeck nimmt seine Marie, geht mit ihr hinaus, mit der Versicherung, nun keine Erbsen mehr zu essen. Klaus Erforth, unterstützt von vielen Helfern, hat die schöpferischen Energien der Behinderten und der Anderen meisterlich gebündelt - zu einem Tragik fröhlich aufhebenden, tief berührenden, unvergeßlichen Theaterabend. DER TAGESSPIEGEL 25.02.1997, CHRISTOPH FUNKE |
| Jahrmarkt schwarzer Pädagogik: „Woyzeck(en)" frei nach Büchner Georg Büchner, der Revolutionär, hätte sicher gern an die ethische Bildbarkeit des Menschen geglaubt, allein der Medziner in ihm bezweifelte die Methoden, psychische Effekte in den Griff zu bekommen. Sein „Woyzeck"-Fragment nutzt das Theater RambaZamba zur Rache an der Sprache und der Geschichte, die die Ausgrenzung des Unvernünftigen vorbereitet. Sie fallen mit einem „Jetzt erst recht" über die Kategorisierungen her und wenden die Reduktion auf das Körperliche in ein sinnenfreudiges Spiel. Dann sind wir eben bloß noch Fleisch und Lust und kriechen auf einen Haufen. Die Zuschauer, die in zwei Reihen rund um die Spielfläche sitzen, dürfen teilhaben an einer ungewohnten Energie. Die Woyzecken, die sich in dieser Inszenierung für geistig Behinderte und andere Spieler vervielfachen, stromern über den Jahrmarkt der schwarzen Pädagogik, wo Sozialutopien den Menschen notfalls mit der Guillotine erziehen wollen und die Anthropologen Jagd auf unverbildetes Material machen. Dort wird vor dem johlenden Publikum Woyzecks Dressur ebenso wie die eines zivilisierten Affen vorgeführt. Wenn im anatomischen Theater die Fetzen fliegen, unterscheidet sich die grausame Lust des Doktors an der Zergliederung des Menschen nur noch durch ihre Eitelkeit von Woyzecks späterer Mordlust. Marie (Alice Kaufhold) und Woyzeck (Joachim Neumann) spielen Vater-Mutter-Kind. Allein das kleine Glashaus, in das sie dazu kriechen, verrät die Zerbrechlichkeit der Idylle. Später wird Marie diese Wände zusammenschieben für ihr heimliches Treffen mit dem röhrenden Tambourmajor. Man sieht ihre Liebe wie in einem Aquarium - wo die Sprache schrumpft, erzählen sinnliche Bilder weiter. Da ist es nicht mehr verwunderlich, wenn Woyzeck schwindelig wird: Die Grenze zwischen Normalität und Wahn wird zum schmalen Grat zwischen Selbstgewißheit und Angst... Kunst oder Therapie? Das Publikum jedenfalls profitiert von beidem, erhält es doch zu dem günstigen Eintrittspreis von 15 Mark zum Vergnügen zusätzlich die Chance, seine Berührungsangst gegenüber Behinderten abzubauen. 26.02.1997 die tageszeitung , Katrin Bettina Müller |