Kritiken Salto "Ein Schiff wird kommen"

Die Stärke im Stocken "Salto! Ein Schiff wird kommen" - eine Hafen-Revue von RambaZamba Noch bevor sich unter lautem Knartschen der Vorhang in der Kulturbrauerei auftut für das übermütige, fröhliche Anarcho-Theater von RambaZamba, kann man im Untergeschoss Erstaunliches entdecken. Einige der Schauspieler und die bildenden Künstler der Kunstwerkstatt für geistig Behinderte "Sonnenuhr" haben unter Anleitung der Künstlerin Gisela Burkhardt Ätzradierungen angefertigt. Nun hängen Bilder im Kassenraum, die in ihrer Kraft und Feinheit verblüffen. Sie heißen "Häuserkämpfe" oder "Köpfe im Wind" und zeigen sorgfältig geritzte Miniaturen in Rastern, die an die rätselhaften Schriftbilder Paul Klees erinnern. Das Bild "Schauspieler auf der Bühne" entfesselt mit feinen Nadelstrichen ein wirbelndes Durcheinander und ist vielleicht die beste Vorhut für das, was tatsächlich später auf der Bühne folgen wird. Zu sich selbst kommende Energie. Das ist es, woraus der Regisseur Klaus Erforth seit über zehn Jahren mit seinen, zumeist mit dem Down Syndrom geborenen Schauspielern Momente ungekannter Feinfühligkeit und Widerspenstigkeit frei setzt. Auch in der neuen Hafen-Revue "Salto! Ein Schiff wird kommen" ist dieses ungebändigte Temperament der Schauspieler und das darum herum organisierende Kalkül des Regisseurs die eigentliche Haupthandlung. Selbst die opulent aufgedonnerten Fantasiekostüme und die im Hundertwasserstil bemalten Kulissenvorhänge (Kerstin Janewa) können diese ungezwungene Kraft nur ansatzweise auffangen. Sie bricht sich von selbst Bahn. Die menschliche Stärke von RambaZamba lebt immer dort auf, wo das geplante Spiel ins Stocken gerät. Das passiert hier in einem Hafen. Gestrandete warten sehnsüchtig auf ein Schiff, verlieben und bekriegen sich. Neben einem Fischer, der von Fischen träumt, fahndet ein Romeo nach einer Julia, weshalb irgendwann auch Shakespeare-Texte auf dem Plan stehen. Da aber keiner der Beteiligten diese Sätze behalten, geschweige denn verständlich sprechen kann, wird sehr schnell wichtiger als Shakespeare die Seelenstärke der Schauspieler selbst. Und die ist, zum Glück, unzerbrechlich, denn keiner dieser selbstbewussten Menschen schert sich über Gebühr um Verse, die ihm die Zunge brechen. Niemand lässt sich vorführen. Zu sehen, wie eigensinnig diese Schauspieler mit ihren Texten kämpfen, mit wie viel Einfühlung sie das Publikum ebenso fragend betrachten, wie dieses jene, ist das Spannendste und Beglückendste dieses Theaters. Dass man nie ganz versteht, was eigentlich gerade gespielt wird, ist zweitrangig. Das Meer schwappt in Gestalt hunderter bunter Bälle an den Hafenrand. Und Jens Hasselmann hat neben vielen Schlager-Arrangements schönschräge Akkordeon-Rhythmen komponiert. Zu Beginn entschuldigte sich der Regisseur, man sehe noch keine Premiere, sondern eine "Experimiere". Das aber ist es ja, warum man zu RambaZamba geht. Berliner Zeitung, 08.06.2004, Feuilleton, Doris Meierhenrich
...eine Mischung aus Revue, Musical und Performance. Da singt eine rot gewandete Frau mit zarter Stimme eine wunderbar traurige Ballade; da tollen Romeo und Julia Hand in Hand durch die bunten Plastikkugeln, die wie im Ikea-Kinderparadies den Boden bedecken; da verbreitet ein eleganter Conferéncier 20er-Jahre-Stimmung. Toll die surreal maskenhaft geschminkten Gesichter und die fantastischen Kostüme." Die Gruppe "Kalibani" um Regisseur Klaus Erforth präsentiert "SALTO! Ein Schiff wird kommen." Hafen, Kai, Meer, Sand, Wind, Sturm, Sonne, Regen, Zeit - eine Insel, der besondere Ort. Mit Menschen, die es verschlagen hat. Was wäre, wenn es den Tango nicht gäbe? Zwei Menschen sprechen die Worte Romeos und Julias und doch können sie nicht zueinander kommen: "Das Wasser ist." Einer reichen bösen Alten spaltet eine Axt den Schädel. Doch als das Strandgut, Fässchen süßen Saftes, alle trunken macht, liegt sie mit ihrer schweren Verletzung wieder in den Armen ihres zu jungen Ehemannes. Dreizehn Songs sind die "musikalische Seele", die alles zusammenhält und die meisten sind Produkte der Fantasie unserer Schauspieler. Berliner Zeitung 27.08.2004

 

 

 

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